Mehr als 800 bunte Schmetterlinge flattern zur Finisage am 14. September durch den Dom in Schleswig.
Jeder einzelne erinnert an ein verstorbenes Kind, an einen jungen Menschen.
Mit jedem Schmetterling wird ein totes Kind wieder ein Stück lebendig.
Eltern, Geschwister, Freunde tragen die Erinnerung an die Verstorbenen in ihrem Herzen.
Sie haben sich durch unsere Ausstellung im Dom einladen lassen, ihre Trauer und ihre Liebe zu dem Kind in einem Symbol zum Ausdruck zu bringen.
Wie wurde das möglich?
Muß eine Ausstellung über verstorbene Kinder die Menschen nicht traurig machen und abschrecken, zumal die Gäste im Dom meist „zufällig“ über die Vitrinen u.s.w. stolpern und nicht wirklich das „Trauer“ - Thema aufsuchen?
In der Rückschau scheint es gelungen zu sein, eine Ausstellung zu zeigen, die über das Leben berichtet - über das Leben der verstorbenen Kinder und über das Weiterleben der Familien nach dem Tod ihres Kindes. Eine Ausstellung, die nicht Angst macht, sondern einlädt, sich und die Kinder mit einer Gemeinschaft der Betroffenen zu verknüpfen.
Das ist nur möglich geworden, weil Eltern aus dem Verein Verwaiste Eltern Schleswig e.V. sehr persönliche Dinge zur Verfügung gestellt haben. Verschiedene „Schatzkästchen“ konnten gezeigt werden, in denen Familien Dinge aufheben, die Geschichten über das Leben mit ihrem Kind erzählen. Der „Gedenkteppich“ als Gemeinschaftsarbeit der Verwaisten Eltern war zu sehen. Anders als bei einem Grabstein können Familien hier selber kreativ werden und auf einem Stück Stoff Farben, Fotos, Symbole verwenden, die ein lebendiges Erinnerungsbild ergeben und typische Eigenschaften dieses besonderen Menschen zeigen.
Die Gruppe junger Erwachsener, die durch den Unfalltod eines Geschwisters oder Partners betroffen sind, zeigten in der Kielmannsgruft zwischen 350 Jahre alten Kindersärgen die Installation eines „Kreuzes am Straßenrand“, so wie sie heute an vielen Unfallstellen zu sehen sind. Die Installation trug den Titel: „Hier habe ich den Tod vor Augen“. Sie ist Denkmal - Mahnmal - Provokation - Ausdruck der Sinnlosigkeit - Konfrontation mit dem eigenen Ende.
Neben diesen Beispielen aus der aktuellen Arbeit wurden mehr als 100 Jahre alte Fotografien und Zeichnungen gezeigt. Der künstlerische Stil, den die Familien damals gewählt haben, entspricht der damaligen Zeit - die Absicht, an die Lebendigkeit des Kindes zu erinnern, ist ähnlich.
Die Ausstellung ist als Teil des „Paradieses“ entstanden. Sie sollte einen inhaltlichen Kontrapunkt zu den Mustergräbern an der Südseite des Domes setzen. Der Anknüpfungspunkt ist dabei der „Garten der Kinder“ - eine Grabstätte für totgeborene und frühverstorbene Kinder auf dem Friedrichsberger Friedhof, die von den Verwaisten Eltern wesentlich mitgetragen wird. Eine Fotodokumentation mit Informationsmaterial hat etliche Ausstellungsbesucher sowohl friedhofstechnisch als auch emotional angesprochen: „Wie schön, dass es so etwas gibt. Ich hätte damals auch gerne gewußt, wo mein totgeborenes Kind geblieben ist.“
Zum „Garten der Kinder“ konnten ganz kleine Särge als Ergebnis eines besonderen Projektes gezeigt werden, das in Zusammenarbeit mit der Schule für berufliche Bildung durchgeführt wurde.
Angehende Tischler/innen haben sich Gedanken darüber gemacht, wie ein Sarg für ein Baby gestaltet sein kann, das weniger als 500g wiegt und nicht der Bestattungspflicht unterliegt. Die jungen Berufsschüler haben sich nach erstem Zögern neugierig mit der Frage auseinandergesetzt, wie denn ein würdevoller Umgang mit Verstorbenen geschehen kann. Einige der Schüler arbeiten in Betrieben, die auch Bestattungen durchführen. Die Besucher der Ausstellung zeigten sich von der handwerklichen Arbeit sehr beeindruckt und von der liebevollen Gestaltung der kleinen Särge sehr berührt.
Zur Ausstellung gab es ein kulturelles Begleitprogramm, das aus verschiedenen Perspektiven beleuchtete, dass der Tod von Kindern für die Familien immer ein besonders erschütterndes Ereignis ist.
Frau Dr.Leisner, Lutzhorn, referierte unter dem Titel: „Dem Englein rein und zart ward Erdenleid erspart“ über Grabmale zur Erinnerung verstorbener Kinder.
Prof. Dr. Sörries, Kassel, sprach zum Thema: „Du gingst zu früh - Trauer um den Tod eines Kindes“
Während der Finisage wurden vom Schleswiger Gesangsensemble „Auf den Flügeln des Gesanges“ unter anderem Kindertotenlieder von Gustav Mahler vorgetragen.
Die Arbeit der Verwaisten Eltern in Schleswig wird sowohl vom Ev. Kirchenkreis als auch vom Verein Verwaiste Eltern Schleswig e.V. getragen. Wir alle haben in der Möglichkeit, die Arbeit während der Landesgartenschau im Dom zu präsentieren, eine Chance gesehen, ein großes Publikum anzusprechen, das man sonst nicht erreicht. Wichtig ist uns bei jeder Form von Öffentlichkeitsarbeit, die Arbeit freundlich und angstfrei anzubieten. Menschen, die durch den Tod eines Kindes betroffen sind, sollen darüber informiert sein, dass es Begleitung und Unterstützung gibt. Wir wünschen uns, dass Freunde, Nachbarn, Multiplikatoren von unserer Arbeit wissen und darauf hinweisen. Ob Betroffene dieses Angebot brauchen oder annehmen, können und müssen sie selber entscheiden.
Trauer ist eine der großen Emotionen im Leben und sie ist ein Ausdruck von Lebendigkeit.
Diese Lebendigkeit wurde uns während der 17 Ausstellungswochen durch die immer zahlreicher werdenden Schmetterlinge vor Augen geführt.